Hier geht es um evolutionäre Regeln über das menschliche Denken und ihre Hintergründe.
Von Joachim Czichos
Die Hormonspiegel während der Entwicklung des Embryos sind für das Längenverhältnis von Ring- und Zeigefinger verantwortlich
Gainesville (USA) - Bei Männern ist der Ringfinger länger als der Zeigefinger, bei Frauen nicht. Jetzt haben US-amerikanische Forscher die Vermutung bestätigt, dass Sexualhormone das Wachstum der Fingerlängen von Embryonen im Mutterleib beeinflussen. In Experimenten mit Mäusen konnten sie direkt nachweisen, dass ein hoher Testosteronspiegel während der Fingerentwicklung das Wachstum des vierten Fingers verstärkt, während Östrogene einen hemmenden Einfluss haben. Ein ungewöhnliches Längenverhältnis der beiden Finger könnte daher auch ein Hinweis auf bestimmte Entwicklungsstörungen sein, die sich auf Krankheitsrisiken und Verhalten des Erwachsenen auswirken, schreiben die Wissenschaftler im Fachjournal "Proceedings of the National Academy of Sciences (PNAS)".
"Es geht nicht nur darum, die Grundlage für einen der mehr skurrilen Unterschiede zwischen den Geschlechtern zu verstehen. Unsere Finger können uns offenbar etwas über die Signale erzählen, die während einer kurzen Zeit im Mutterleib wirksam waren", sagt Martin Cohn von der University of Florida in Gainesville. Bei Frauen ist der Zeigefinger mindestens genauso lang wie der Ringfinger, während bei Männern der Ringfinger mehr oder weniger deutlich länger ist. Das Ausmaß des Längenunterschieds lässt Rückschlüsse auf verschiedene Merkmale des Mannes zu. Dazu zählen der Testosteronspiegel im Blut, die Fruchtbarkeit, sexuelle Orientierung, sportliche Leistung, soziales Verhalten und Anfälligkeit für einige Krankheiten.
Die Resultate von Cohn und seinem Mitarbeiter Zhengui Zheng zeigten, dass die Konzentrationen männlicher Sexualhormone - der sogenannten Androgene - und weiblicher Sexualhormone - der Östrogene - während einer kurzen Entwicklungsphase des Embryos für den Fingereffekt verantwortlich sind. Die Forscher untersuchten die Zehenbildung der hinteren Füße bei Embryonen von Mäusen, die zu ganz ähnlichen geschlechtsabhängigen Unterschieden führt wie beim Menschen. Sie stellten fest, dass der entstehende vierte Zeh, der dem Ringfinger entspricht, empfindlicher auf die Hormone reagiert. Er weist mehr Bindungsstellen für Androgene und Östrogene auf als der zweite Zeh. Ein künstlich erhöhter Androgenspiegel aktivierte Gene, die das Zehenwachstum förderten. Östrogene dagegen veränderten die Genaktivitäten so, dass die umgekehrte Wirkung eintrat. Eine Störung der normalen Hormonregulation müsste sich nach der Geburt an den Fingerlängen ablesen lassen. Eine solche Entwicklungsstörung könnte mehrere körperliche und psychische Merkmale beeinflussen, vermuten die Forscher. In bestimmten Fällen wäre es also von diagnostischem Wert, das Längenverhältnis zwischen Ring- und Zeigefinger eines Patienten zu ermitteln.
Sind Männer und Frauen nun verschieden oder doch gleich, vom berühmten "kleinen Unterschied" abgesehen? Körperlich gibt es unzweifelhaft etliche Unterschiede. Einer liegt angeblich wortwörtlich auf der Hand.
In der Titelstory des aktuellen New Scientist geht es darum, sich selbst als Individuum besser zu erkennen – doch nicht durch Meditation, sondern durch Naturwissenschaft. Eins der dazu notwendigen Hilfsmittel ist ein Fotokopierer, so die Autorin Kate Douglas. Ein Scanner oder ein Lineal tun es aber auch und insbesondere letzteres dürfte Klagen über Handabdrücke auf Fotokopien und den Ruf nach der Putzkolonne in deutschen Büros am heutigen Abend deutlich reduzieren...
Es geht um Langfinger. Nein, nicht die Sorte, die zu unerwartetem Vermögensverlust führt und dafür hinter Gitter landet, sondern um die Zeige- und Ringfinger der eigenen Hand. John Manning von derUniversity of Central Lancashire erklärt, dass der Verhältnis von Zeige- zu Ringfinger einer Hand zeigen kann, welchem Pegel von Geschlechtshormonen der betreffende Mensch als Fötus im Leib seiner Mutter ausgesetzt war: je mehr Testosteron im Spiel war, desto länger wird der Ringfinger, je mehr Östrogen, desto länger dagegen der Zeigefinger. Bei Frauen ist das Verhältnis etwa 1, während es bei Männern niedriger liegt, bei etwa 0,96; das bedeutet, der Zeigefinger ist bei Männern etwas kürzer als der Ringfinger. Wie stark man vom Durchschnitt abweicht, soll zeigen, wie maskulin oder feminin man ist.
Studien haben ergeben, dass die klassischen "männlichen" Fähigkeiten und Eigenschaften wie (auch überzogene) Selbstsicherheit oder gute Fähigkeiten bei bestimmten mathematischen Aufgaben eher bei Männern und Frauen mit einem niedrigeren Zeige-/Ringfingerverhältnis zu finden sind, ebenso Personen mit einer überdurchschnittlichen aerobischen Effizienz, die also gut für Marathonläufe geeignet sind. Männer mit einem niedrigen Zeige/-Ringfingerverhältnis haben mehr Sexpartner und mehr Kinder als Männer mit einem hohen Verhältnis, während bei den Frauen gerade die mit einem hohen Zeige-/Ringfingerverhältnis besonders fruchtbar sein sollen. Genau umgekehrt sollen Schwule ein hohes Verhältnis haben und Lesben ein niedriges. Insgesamt scheinen aber die hohen Verhältnisse ungesünder zu sein: bei Frauen steigt die Anfälligkeit für Brust- und Gebärmutterkrebs, bei Männern die für Herzkrankheiten und bei beiden Geschlechtern die für Neurosen.
Über das Thema hat Manning bereits vor vier Jahren ein Buch herausgebracht. Gemessen wird übrigens von der jeweils untersten Furche des Fingers am Ansatz der Handfläche bis zu dessen Spitze – ohne Fingernagel, versteht sich. Bleibt nur zu hoffen, dass nun nicht in Kürze nicht nur Fingerspitzenabdrücke, sondern wirklich komplette Fingerabdrücke genommen werden, um die Menschen gleich vorab entsprechend einzuordnen…
JOHN MANNING